Karlheinz Stockhausen, ehemaliger Resident der Maison Heinrich Heine (Brassé der Maison des Provinces de France) 1952/53
Karlheinz Stockhausen wurde am 22. August 1928 in Mödrath bei Köln geboren – in eine Zeit politischer und gesellschaftlicher Erschütterungen. Seine Kindheit war von schweren familiären Verlusten geprägt: Die psychische Erkrankung und frühe Einweisung seiner Mutter, der Tod seines jüngeren Bruders sowie, unter dem NS-Regime, die Ermordung der Mutter im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“-Programme und der Tod des Vaters an der Front. Trotz dieser Erfahrungen förderte der Vater, selbst Lehrer, die musikalische Ausbildung seines Sohnes früh; Stockhausen erhielt Klavierunterricht und zeigte bald außergewöhnliches Talent.
Mit sechzehn Jahren wurde er als Sanitäter zum Kriegsdienst eingezogen. Nach 1945 nahm er ein Studium an der Musikhochschule Köln auf (Klavier und Dirigieren), das er durch Studien der Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik ergänzte. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete er unter anderem im Bereich der Unterhaltungsmusik und des Jazz. Zunächst literarisch interessiert und als Autor von Hörspielen tätig, wandte er sich Anfang der 1950er Jahre zunehmend der Komposition zu; erste Werke wurden im Rundfunk gesendet.
Paris als ästhetisches Labor
Eine entscheidende Phase seiner künstlerischen Entwicklung erlebte Stockhausen in Paris. Zu Beginn der 1950er Jahre studierte er dort bei Darius Milhaud und vor allem bei Olivier Messiaen, dessen Denken seine musikalische Vorstellungskraft nachhaltig prägte. Die Begegnung mit Pierre Boulez sowie der Kontakt zum Club d’Essai von Pierre Schaeffer führten ihn unmittelbar an die avantgardistischen Experimente der musique concrète heran.
In den Jahren 1952–1953 lebte Stockhausen an der Cité internationale universitaire de Paris, in der Maison des Provinces de France. Diese Pariser Zeit wurde zu einem ästhetischen Labor: Hier entwickelte er zentrale Prinzipien des seriellen Komponierens und schuf Werke wie Kreuzspiel und Formel sowie die ersten Klavierstücke, die zu den Schlüsselwerken der musikalischen Nachkriegsavantgarde zählen.
Die Verbindung zu Paris setzte sich fort. 1957 kehrte Stockhausen an die Cité zurück und gab ein Konzert sowie einen Vortrag in der Maison Heinrich Heine. Damit wurde dieses Haus zu einem Ort des Dialogs und der Resonanz innerhalb eines deutsch-französischen Kulturraums, der Stockhausens Werk entscheidend mitprägte.
Auf dem Weg zu einer musikalischen Weltanschauung
Bereits ab 1953 arbeitete Stockhausen im Studio für elektronische Musik des WDR in Köln, wo bahnbrechende Werke wie Studie I, Studie II und Gesang der Jünglinge entstanden – Kompositionen, die die Verbindung von elektronischem Klang und menschlicher Stimme neu definierten. Parallel dazu wirkte er als Lehrer bei den Darmstädter Ferienkursen und als einflussreicher Autor musiktheoretischer Schriften.
In den 1960er Jahren erlangte Stockhausen internationale Bedeutung. Seine Werke eröffneten neue Vorstellungen von musikalischer Form als offenes, prozessuales Gefüge. Zugleich erweiterten sich seine Interessen zunehmend auf spirituelle und interkulturelle Dimensionen. Diese Entwicklung kulminierte im monumentalen Opernzyklus Licht (1977–2003), einer siebenteiligen kosmischen Musiktheaterwelt.
Karlheinz Stockhausen starb am 5. Dezember 2007 in Kürten. Mit mehr als 300 Kompositionen, zahlreichen Schriften und einer radikal erneuerten musikalischen Sprache zählt er zu den prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine Pariser Jahre – und insbesondere seine Verbindung zur Cité internationale universitaire und zur Maison Heinrich Heine – bilden einen zentralen Kristallisationspunkt seiner künstlerischen Biografie und seines internationalen Wirkens.