Marko Martin ist ein deutscher Schriftsteller. In seinem literarischen Werk beschäftigt er sich vor allem mit Erfahrungen von Alterität im Zeitalter der Globalisierung. Zu seinen jüngsten Auszeichnungen gehört der OVID-Preis des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland (2025) sowie der Werner-Schulz-Preis (2026).
Marko Martin ist 2024 an die Maison Heinrich Heine zurückgekehrt, um sein Buch Brauchen wir Ketzer? vorzustellen.
Vielleicht ließe es sich ja auf diese Weise sagen: Inkubationszeit. Am Anfang war die Verwunderung, weshalb das ältliche (oder zumindest auf den 23jährigen recht bejahrt wirkende) Rezeptionisten-Ehepaar über den Telefonanschluss auf Zimmer 308 mitgeteilt hatte: „Ca marche.“ Aber was sollte denn da marschieren, hatte er nicht aus dem Gymnasium mitgenommen, dass es „ca fonctionne“ hieß? Mit rudimentären Französisch-Kenntnissen in der Weltstadt, Gasthörer-Status in Paris VIII, draußen in Saint-Denis, und das preisgünstige Menu Midi (Couscous mit differierenden Zugaben), das in den kleinen Restos zwischen Métrostation und dem klobigen Universitätsgebäude angeboten wurde, späterhin als beinahe einzige Erinnerung.
So wie am Boulevard Raspail die elegante, aus Polen stammende Sprachlehrerin an der Alliance Francaise vor allem deshalb in Gedächtnis blieb, weil sie – in einem der Pausengespräche mit ihrem zwischen Schüchternheit und Wagemut changierenden Schüler – erwähnt hatte, dass sie mit dem damals in der Stadt lebenden Krakauer Dichter Adam Zagajewski bekannt war. Dann kam „La Liste de Schindler“ in die Kinos. Die am Kiosk an der Ecke Rue des Rennes gekauften (deutschen) Zeitungen berichteten über gewisse filmkünstlerische Debatten, und neben dem Kaffeeautomaten in der zweiten Etage der Alliance sagte einer der studentischen Kursteilnehmer, der zuvor doch so sympathisch gewirkt hatte, „Zionisten-Produktionen“ würde er sich niemals anschauen. 1994!
Im Radio auf Zimmer 308 die Nachrichten vom Genozid in Ruanda, danach Werbe-Clips („Avec Carrefour je positive“) und Songs, „Jacobi marchait“ von Charlélie Couture und anderes. Und derjenige, der dieses Zimmer bewohnte und im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer aus der DDR ausgereist war? Hörte und sah, versuchte zu verstehen und zu beschreiben. Zum Beispiel das seit dem Beginn des kambodschanischen Bürgerkriegs geschlossene Maison du Cambodge gleich dem Maison Heinrich Heine, steinerne Erinnerung an einen anderen Völkermord, orchestriert von jenem Saloth Sar alias Pol Pot, der ab 1949 ja ebenfalls Resident in der Cité Universitaire gewesen war, ein Oberschicht-Student mit wachsendem Hass gegenüber den Zumutungen des heterogen Urbanen, antikolonialistisch verbrämt. Gedankensplitter, Wahrnehmungsfragmente – mit wem wären sie zu teilen?
Die anderen auf dem Flur bedauerten, dass er sich so wenig in der Gemeinschaftsküche sehen ließ, auch an den Rotweinabenden nicht teilnahm. Dafür kam er manchmal erst am nächsten Morgen wieder ins Maison, während draußen auf dem Rasen schon die Ersten ihre TaiChi-Übungen machten. Dann sagten die Frühaufsteher unter den Mit-Residenten auf Etage Drei ein „Oh là là“, und er lächelte, beinahe wie um Verzeihung bittend. (Dass er tage- und nächtelang Paris durchstreifte und sich dabei in mannigfaltige Begegnungen hinein und hinauswehen ließ, verwunderte ihn selbst.) Dann wurde es Ende Mai 1994, der 1989 gestürzte SED-Chef Honecker starb im chilenischen Exil, und im Maison gab es einen Lyrikabend mit dem Dichter Durs Grünbein. Zusammen mit der in Paris lebenden und ebenfalls aus Sachsen stammenden Literaturvermittlerin Hella Faust wurde der seltsamen Koinzidenz gedacht, doch auch dies eher mit Verwunderung als im Triumph. (Als wären sie alle, zumindest für einen schraffierten Moment, Gestalten aus einem Patrick-Modiano-Roman, irritiert über Pariser Realitäten und Assoziationen, gewappnet mit Aufmerksamkeit.)
Da aber musste ich mich schon nicht mehr zaghaft von der Seite und in der dritten Person betrachten, denn in einem Café hinter dem Centre Pompidou hatte ich meine Lebensliebe gefunden. Die fragile (Übergangs-)Zeit im Maison Heinrich Heine endete, und etwas Anderes begann.