Joachim Bitterlich, ehemaliger Resident der Maison Heinrich Heine 1974/1975

Botschafter a.D. Joachim Bitterlich war enger außen- und europapolitischer Berater Helmut Kohls und 1993 bis 1998 Leiter der Abteilung für Außen-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik im Bundeskanzleramt. Es folgten Stationen als Ständiger Vertreter Deutschlands bei der NATO und deutscher Botschafter in Spanien. Von 2003 bis 2012 hatte er Führungspositionen im Veolia-Konzern. Bitterlich ist seit 2008 Professor an der ESCP Europe. Mitglied des Fördervereins der Maison Heinrich Heine.

Passeur

Glücklich, diese erste Pariser Bleibe für mein Jahr an der École nationale d’administration gefunden zu haben, bezog ich vor gut fünfzig Jahren, im Oktober 1974, ein Zimmer im Maison Heinrich Heine der Cité internationale universitaire de Paris.

Meine ersten Eindrücke sind mir bis heute lebhaft in Erinnerung geblieben: ein strenges, modernes, funktionales Gebäude, typisch für die 1950er Jahre und kaum vergleichbar mit den anderen Häusern im Park. Ich bezog ein kleines, schlicht eingerichtetes und zweckmäßiges Zimmer mit einem kleinen Sanitärbereich; Toiletten und Duschen befanden sich gemeinschaftlich auf dem Flur. Nach meinem zweiten Wehrdienst musste ich mich daran gewöhnen, wieder mit jungen Menschen meines Alters zusammenzuleben, die mir zunächst völlig fremd waren.

Vor allem aber musste ich meinen Schlafrhythmus anpassen. Durch die direkte Lage an der Stadtautobahn – und das Fehlen von Doppelverglasung – wurde mein Schlaf regelmäßig ab etwa 4.30 Uhr morgens vom zunehmenden Verkehr unter unseren Fenstern unterbrochen, nachdem ich kaum mehr als sechs Stunden geschlafen hatte. Vielleicht hatten die Architekten angenommen, die Stadtautobahn oder der Autoverkehr würden eines Tages verschwinden – oder sie wollten den Studierenden schlicht mehr Zeit zum Arbeiten lassen …

Schon damals war das Heinrich-Heine-Haus ein wahrer „Schmelztiegel“ junger Forscherinnen und Forscher sowie Studierender aus unterschiedlichsten Ländern und Fachrichtungen, darunter auch einige deutsche Studierende der ENA.

Doch waren wir uns als Studierende wirklich bewusst, dass wir in einer Art internationaler Studentenstadt lebten, in der zahlreiche Häuser die künftigen Eliten vieler europäischer und außereuropäischer Länder beherbergten? Zugegeben: Der Begriff „Elite“ war für viele meiner Landsleute ein Reizwort – 1968 ließ grüßen. Und doch waren diese Häuser ideale Türöffner, echte Sprungbretter für die Annäherung an andere Länder und Kulturen.

In den ersten Wochen waren wir allerdings vor allem mit unserer eigenen Integration in eine Institution beschäftigt, die die (zukünftige) Führungsschicht Frankreichs vereinte. Erst allmählich begannen wir, uns für die besondere Rolle des Heinrich-Heine-Hauses und der anderen internationalen Häuser der Cité zu interessieren – eine doppelte Chance, die es zu nutzen galt.

Was mir damals vielleicht gefehlt hat, war eine Art „Vermittler“, jemand, der mich von Anfang an an die Hand genommen und mir rasch das außergewöhnliche Potenzial dieses Hauses und der Cité insgesamt vor Augen geführt hätte.

Es waren schließlich vor allem die Feste, Konferenzen und kulturellen Veranstaltungen in den anderen Häusern, die nach und nach unsere Neugier auf diesen wunderschönen Park am Rand des 14. Arrondissements von Paris weckten.

Erst Jahre später kehrte ich anlässlich von Konferenzen an diesen einstigen Wohnort zurück und fühlte mich bereits beim Betreten des Parks sofort wieder „zu Hause“ – als hätte ich ihn nie verlassen.

Dieses Jahr war nicht nur prägend, sondern ein wirklicher Meilenstein für mein späteres Berufsleben. Indirekt, beinahe unmerklich, nährte es meine Neugier für Frankreich, unseren unmittelbaren Nachbarn, und für die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern – eine Zusammenarbeit, die damals wie heute zu den zentralen Grundlagen der Erneuerung Europas zählt und ein politisches Schlüsselthema geblieben ist.

Die Cité internationale hat durch ihr bloßes Bestehen, durch das Zusammenleben internationaler Studierender sowie durch Begegnung und Dialog zwischen den Kulturen über Jahrzehnte hinweg vielleicht mehr zur Verständigung, zur Zusammenarbeit und zum Frieden beigetragen als so manche feierliche Erklärung.

In diesem Sinne verdienen die „Cité U“ und das Heinrich-Heine-Haus unsere uneingeschränkte Unterstützung.

Beitrag in dem Band: Les 101 mots de la Cité internationale universitaire de Paris à l’usage de tous, Archibooks + Sautereau Editeur, Paris 2025, S. 151-153.

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