Jürgen Trabant, 1942 geboren, ist emeritierter Professor für romanische Philologie an der Freien Universität Berlin. Nach dem Studium von Romanistik, Germanistik und Philosophie in Frankfurt, Paris und Tübingen, wo er bei Eugenio Coseriu promovierte, hat er in Bari und Rom, in Tübingen, Hamburg und Berlin gelehrt. An Forschungs- und Lehraufenthalte in Stanford, Paris, Budapest, Neapel, Shanghai, München, Mailand und Brasília denkt er unendlich dankbar zurück. Seine Bemühung um eine linguistisch-semiotische Annäherung an Literatur hat ihn in ein Sprachdenken geführt, das sich mit der Entfremdung der Linguistik von Literatur und Gesellschaft und mit der Sprachvergessenheit Europas nicht abfinden wollte. Dabei war die Begegnung mit Wilhelm von Humboldts linguistisch und literarisch fundierter Sprachphilosophie gleichsam unumgänglich. Ihr verdankt Trabant die grundlegende Inspiration für seine Arbeiten zu Sprachtheorie, Sprachphilosophie, Sprachpolitik, zur Geschichte des europäischen Sprachdenkens und für seinen Einsatz für die Vielfalt der Sprachen Europas. Seine wichtigsten Publikationen betreffen die Sprachphilosophie von Humboldt und Giambattista Vico. Sein Mithridates im Paradies versucht, Europas Sehnsucht nach Einsprachigkeit mit dem Reichtum seiner Vielsprachigkeit historisch zu vermitteln.
Ich war von September 1964 bis April 1965 Gast des Deutschen Hauses in der Cité Universitaire. Ich gestehe, dass ich kein sehr geselliger Bewohner des Hauses war, weil ich als Romanist unbedingt nur französisch sprechen wollte und daher kein Interesse an deutschen Kommilitonen hatte. Ich war aber ein begeisterter Bewohner der Cité Universitaire, wo man viele französischsprachige Freunde finden konnte. Das war deswegen wichtig, weil man an der Sorbonne, wo ich Linguistik studierte, nur schwer Beziehungen mit französischen Studenten anknüpfen konnte, die als Pariser nur wenig Neugierde für neue, gar noch ausländische Kollegen aufbrachten. Zum Glück habe ich aber doch Brigitte kennengelernt, die wie ich eine Auswärtige war, sie kam aus Bordeaux.
Im schönen Deutschen Haus war es nicht einfach, Nachtruhe zu finden. Auf der – ich glaube – zehnspurigen Autobahn direkt neben dem Haus brauste ja Tag und Nacht der Verkehr. Man schlief am Anfang also kaum, fiel aber dann nach vier Wochen Krach einfach in eine Art Ohnmacht – und gewöhnte sich dann an den Verkehr. Mein frankophoner Cité-Freund hieß Christian Sagne, Bewohner der Fondation suisse, der mich zu meiner großen Begeisterung auf mondäne Soireen in der Stadt mitschleppte, die wunderbar zu meiner Proust-Lektüre passten, die durch die damals erscheinende Ausgabe der “Recherche” im Livre de poche möglich wurde. Da auch die Linguistik an der Sorbonne beim großen André Martinet und am Collège de France beim noch größeren Émile Benveniste intellektuelle Großereignisse waren, kehrte ich dankbar und glücklich im Mai 1965 nach Tübingen zurück, wo es zwar still, aber auch ein bisschen langweilig war.